Magazin: Für jeden Augenblick

Für die 32-jährige Büroleiterin eines Politikers im Deutschen Bundestag ist die Sache klar: Bei geschäftlichen Terminen trägt sie eine klassische Brille auf der Nase – graues Metallgestell, ovale Form, nichts, was groß ins Auge springen würde. Mehr Format hat ihre rote Acetatbrille, die ihr weitaus besser gefällt. Doch die wäre viel zu auffällig für ihren verantwortungsvollen Job. Das rote Modell kommt am Wochenende, in den Ferien, am Abend und auch mal an einem Bürotag zu Ehren, an dem kein hochrangiger Besuch begrüßt werden muss.

  Je nach Anlass, Qutfit, Stimmung und Situation nutzen Brillenträger heute mehrere Augengläser parallel. Hatte die Zweitbrille lange Zeit die Funktion einer Ersatzbrille, geht es nun darum, mit unterschiedlichen Gläsern und Fassungen für  jeden Anlass gerüstet zu sein. Unter modischen Gesichtspunkten erlaubt das je nach Situation einen Wechseln von einem dezenten zu einem extravaganten Styling, von einem verspielten zu einem kantig-forschen Auftreten. Sandra Walzer, Betreiberin des Blogs Brillenfräulein (https:// walter.frl), bekannte in einem Interview, 18 verschiedene Fassungen in Gebrauch zu haben. Ob Retro-Look oder futuristisch, rahmenlos oder auffällig, kantig oder rund, für Brillen gelte: „Sie lassen den Träger oder die Trägerin selbstbewusster wirken.“ 

Brillen taugen heute als modisches Statement und besitzen eine ähnliche Akzent-Funktion wie Schuhe oder Taschen. Kerstin Kruschinski vom Verein Kuratorium Gutes Sehen mit Sitz in Berlin bestätigt: „Gerade in den jüngeren Konsumentengruppen wird die Brille als Styling-Accessoire eingesetzt. Je nach Anlass und Laune wird hier gerne mal das Modell gewechselt, der Typ unterstrichen oder gezielt verändert.“

Es bringt nicht nur stilistische Vorteile, mehrere Brillen parallel zu nutzen. Das Angebot an Augengläsern wird immer spezifischer und damit vielfältiger.

Verschiedene Anlässe? Kein Problem, dann wird eben sie passende Brille gewählt.

  Allenfalls ältere Semester erinnern sich noch an Zeiten, in denen Fehlsichtige ihre Augengläser gegen Kontaktlinsen eintauschen, um endlich nicht mehr als „Brillenschlange“ geschmäht zu werden. Auch der chauvinistische Spruch „Mein letzter Wille, eine Frau mit Brille“ stammt aus einer Zeit, in der Erwachsene lediglich unter sechs Kassengestellen wählen konnten, wollten sie für ihre Sehhilfe kein Vermögen ausgeben.

Erst als die Firma Fielmann Anfang der 80er Jahre eine Beachtliche Auswahl an ansprechenden Brillengestellen aus Metall- und Kunststoff zum Nulltarif auf den Markt brachte und mit Krankenkassen kooperierte, begann sich das Image der Sehhilfen zu wandeln. Dazu kommt, dass die Zahl der Brillenträger zunimmt, vor allem bei der jungen Generation. Nach einer Studie des Instituts für Demoskopie Allensbach sind allein zwischen 2014 und 2017 rund 700 000 Brillenneulinge hinzugekommen. Damit nutzen mittlerweile knapp zwei Drittel der Bevölkerung in Deutschland eine Sehhilfe. Berücksichtigt wurden Personen ab dem 16. Lebensjahr. In den 50er Jahren waren Brillenträger noch in der Minderheit.

  Der Trend zur Zweit- und Drittbrille ist aber nicht nur eine Folge des Imagewandels und der zunehmenden Verbreitung. Er hat auch funktionale Gründe. „Seit 2013 ist ein Anstieg des Mehrbrillenverkaufs zu verzeichnen“. Bestätigt Kruschinski. Mittlerweile sei jede fünfte Brille eine sogenannte Mehrbrille. „Verursacht wird dieser Trend vor allem durch den Kauf von zusätzlichen Nahkomfort- und Raumbrillen.“ Darunter versteht man Gleitsichtbrillen, die auf nahe bis mittlere Entfernungen abgestimmt sind, etwa Bildschirm- und Arbeitsplatzbrillen. „Selbst für rechtsichtige Vielnutzer von Smartphones, Tablet und Co. Gibt es heute Sehlösungen, die digitalen Sehstress und damit verbundene Augenproblemen sowie Fehlhaltungen vorbeugen“, erklärt Kruschinski.

Das digitale Zeitalter verändert eben nicht nur die Berufswelt und führ zu immer mehr Computer-Arbeitsplätzen, es wirkt sich auch auf das Freizeitverhalten aus. Kurze Distanzen werden zur Norm. Immer seltener schauen die Augen in die Weite.

Der Trend zur Drittbrille lässt die Kassen klingeln

Dennoch stellt sich die Frage, ob dieses differenzierte Angebot an Brillen, zu dem eben auch Sonnen- und Sportbrillen gehören, nicht lediglich die Kassen der Optiker und Brillenhersteller klingeln lässt, die den Kauf einer Zweitbrille teilweise mit satten Nachlässen fördern, sondern ob solche spezifischen Zusatzbrillen tatsächlich notwendig sind. „Auf jeden Fall“, antwortet die Sprecherin des Kuratoriums für gutes Sehen. „Verschiedene Lebenssituationen bringen unterschiedliche Sehanforderungen mit sich. Eine einzige Brille kann den Komfort der vollen, natürlichen Sehleistung nicht ausgleichen.

  So sorge eine Bildschirmarbeitsplatzbrille für entspanntes Sehen am digitalen Arbeitsplatz, die Sportbrille korrigiere bis in die weite Entfernung und schütze darüber hinaus vor Zugluft, Sonne, Schweiß und Fremdkörpern. Das Plus der Sonnenbrille bestehe im UV- und Blendschutz. „Und für Vielfahrer gibt es spezielle Autofahrgläser, die auf die besonderen Anforderungen im Straßenverkehr optimiert sind und das Fahren entspannter und sicherer machen.“ Und wer vor dem Schlafengehen gerne in einem Buch schmökert, der wiederum sie mir einer individualisierten Lesebrille am besten bedient.

Bei all den unterschiedlichen Gläsern ist es naheliegend, dass die Brillenträger auch bei den Gestellen experimentierfreudig sind. Schließlich muss man die Sehhilfen ja auseinanderhalten und merkt dabei, dass die Abwechslung auf der Nase Vorteile fürs Styling mitbringt.

Berühmte Brillen

Weitblickender Lennon

Seine musikalische Weitsicht verdankte der Beatles- Mitbegründer John Lennon wohl letztlich nicht seiner Sehhilfe. Die Vorliebe für runde Brillengestelle begleitete das Musikgenie jedoch zeit seines kurzen Lebens und wurde nur vor der schieren Größe der Sonnengläser seiner zweiten Ehefrau Yoko Ono übertrumpft. Imagine Lennon würde heute die Kommerzialisierung seines Markenzeichens durchblicken. Help! AKS

Kurzsichtige Monroe

Senn es des Beweises bedarf, dass Brillen sexy machen, dann genügt ein Bild von Marilyn Monroe. Die Katzenaugenbrille mit Glitzerecken, die sie als kurzsichtige Pola in dem Film „Wie angelt man sich einen Millionär?“ trägt, charakterisiert sie als naiv, aber liebenswert. Jedenfalls findet der gleichfalls ziemlich kurzsichtige Freddie die Frau mit Brille hinreißend attraktiv. Wir auch – trotz des eindeutig verblichenen Geschlechterkonstrukts. GÖT

Gelehrte Mouskuri

Showleuten sagt man einen Hang zum Flittrigen um die Augen herum nach. Um schlauer zu wirken, als sie womöglich sind, tragen sie manchmal schwarz geränderte Intellektuellenbrillen. Schon seit jeher tritt die griechische Sängerin Nana Mouskouri mit so einer auffälligen Sehhilfe auf und sing Rosen aus Athen. Bei ihr ist es keine Hochstapelei, Mouskouri hat am Athener Konservatorium Gesang, Klavier und Hamonielehre studiert. GOLO

Geschärfter X

Den Grund für seine Sehschwäche vermutete Malcom X in seiner kleinkriminellen Vergangenheit: Als er in den 50er Jahren in Norfolk im Strafvollzug landete, las er unentwegt Bücher in seiner Zelle – nachts nur mit der Flurbeleuchtung als Lichtquelle. Er verließ das Gefängnis als gebildeter Mann, wurde Brillenträger und einer der wichtigsten Köpfe der schwarzen Bürgerrechtsbewegung. Im Februar 1965 wurde er erschossen. Drei Jahre später: Martin Luther King. SETZ

Von Julia Lutzeyer

Fotos: sanneberg/Adobe Stock, dpa (2), picture alliance / PictureLux/Th, AP

Quelle: Das Magazin der Stuttgarter Nachrichten und der Stuttgarter Zeitung 22./23. Dezember 2018



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