Medizin: Altersabhängige Makuladegeneration

Wenn sich zu viel Müll im Auge sammelt

Millionen von Menschen leiden an einer altersbedingten Makuladegeneration. Dadurch kann sich die Sehkraft drastisch vermindern. Umso wichtiger ist eine frühe Erkennung der Augenkrankheit.

Eine frühe Diagnose ist auch bei der Makuladegeneration wichtig. Foto: Mauritius

Stuttgart – Bei der altersbedingten Makuladegeneration (AMD) geht die Stelle schärfsten Sehens, die Makula, in der Netzhaut zugrunde. Damit ist das zentrale Sehen, wichtig für Lesen und Autofahren, zunehmend beeinträchtigt. Rund drei Millionen Menschen sind hierzulande von Frühstadien betroffen – mehr Frauen als Männer. Knapp zwei Millionen leiden an Spätstadien. Im Frühstadium sieht man etwa beim Lösen von Kreuzworträtseln häufig nur noch gebogene Linien. Wir beantworten wichtige Fragen zum Thema AMD.

Wie entsteht eine AMD?

Wenn Licht ins Auge fällt, werden Stoffe in den Sinneszellen verbraucht, abgestoßen und normalerweise abtransportiert. Das sogenannte Pigmentepithel unter der äußeren Netzhaut spielt hierbei eine wichtige Rolle: Es ist Nährstoffquelle und Müllentsorger zugleich. Treten dort Stoffwechselprobleme auf oder verändert sich das Epithel altersbedingt sehr ungünstig, ist die Müllentsorgung gestört. Es bleibt gelblicher Zellmüll liegen, der sogenannte Drusen bildet. Sie erschweren es für Nährstoffe, zu den Sinneszellen zu gelangen. Drusenbildung und verzerrtes Sehen sind typische für Frühform der trockenen AMD. „Mitunter bilden sich die Drusen, und das war es dann“, sagt Gangolf Sauder, Chefarzt der Charlottenklinik für Augenheilkunde in Stuttgart. Aber in vielen Fällen könne die Erkrankung fortschreiten und sich zu einer Spätform der trockenen AMD entwickeln. „Dann sterben Sehzellen sukzessive ab. Das Sehvermögen verschlechtert sich deutlich.“ Alle sechs Monate müssen Betroffene deshalb zur Kontrolle.

Wann tritt eine feuchte AMD auf?

85 Prozent der Patienten leiden dauerhaft an der trockenen Form. „Bei 15 Prozent der AMD-Patienten entsteht jedoch zunächst an einem Auge aus der trockenen eine feuchte AMD“, sagt der Augenarzt und Retinologe Nikolaus Feucht, Leiter der Makulasprechstunde am Klinikum rechts der Isar der TU München. Die Wahrscheinlichkeit, dass nach fünf Jahren auch das zweite Auge erkrankt, liegt bei 45 Prozent. Quasi als Hilferuf aufgrund belastender Einflüsse wie etwa eines Nährstoffmangels bildet die Netzhaut größere Mengen des Wachstumsfaktors VEGF (vascular endothelial growth factor). VEGF lässt krankhafte, undichte Blutgefäße aus der Aderhaut in die normalerweise gefäßfreie Makula hineinsprießen. Tritt aus den neuen Blutgefäßen Flüssigkeit aus, schwillt die Netzhaut an. Häufig kommt es zu Blutungen und Vernarbungen. Sinneszellen im Bereich der Makula gehen zugrunde. „Eine frühe Diagnose bietet jedoch bei den meisten Patienten die Möglichkeit, die feuchte AMD zu stoppen“, sagt Sauder.

Wie wird die Krankheit behandelt?

Mit dem Alter werden Augenkrankheiten häufiger. Foto: Depositphoto

Vitamin C, Vitamin E und Carotinoide wie Lutein, Mineralien (Zink, Selen) sowie mehrfach ungesättigte Omega-3-Fettsäuren werden bei beiden AMD-Formen als hilfreich angesehen – auch wenn bislang unklar ist, wie viel das im Einzelfall bringt. Bei der trockenen AMD gibt es ansonsten keine medikamentöse Therapie. Nur vergrößernde Sehhilfen machen das Leben etwas einfacher. Bei der feuchten AMD ist die Situation besser: VEGF-Hemmer wie der Antikörper Ranibizumab (Lucentis) neutralisieren den Wachstumsfaktor VEGF, um das Einwachsen von Blutgefäßen in die Makula zu stoppen. Die wirksamen VEGF-Hemmer werden einmal pro Monat ins erkrankte Auge gespritzt. Nicht überall können diese unangenehmen Behandlungen in spezialisierten Makulazentren durchgeführt werden. Monatliche Behandlungstermine können dann eine logistische Herausforderung sein. „Zumal es erforderlich ist, für den einzelnen AMD-Patienten mehr Zeit zu haben, um ihn angemessen und ausreichend zu behandeln“, erläutert Feucht.

Welche Behandlungsalternativen gibt es?

Um Patienten monatliche Arztbesuche zu ersparen, wird schon bald ein beladbares Implantat als Medikamenten-Depot auf den Markt kommen. Es gibt den Wirkstoff über einen Zeitraum von sechs Monaten ab und sitzt seitlich am Auge unter dem Lid, angeblich ohne zu stören. Die Zulassung für das Implantat und für einen neuen Wirkstoff wird 2019 erwartet. „Der Wirkstoff Brolucizumab erlaubt bei 50 Prozent der Patienten mit feuchter AMD einen dreimonatigen Spritzabstand. Ob jemand hierfür geeignet ist, muss anhand der individuellen anatomischen Situation geprüft werden“, sagt der Münchener AMD-Experte Feucht. Berücksichtigt werden dabei die Netzhautstruktur, die Ergebnisse einer optischen Kohärenztomografie (OCT) und die Sehschärfe. Auch bei der trockenen AMD wird an besseren Therapien geforscht. „Bei der AMD-Entstehung kann der angeborene Teil des Immunsystems, das sogenannte Komplementsystem, genetisch bedingt eine gewisse Rolle spielen“, so Feucht. In Studien wird versucht, einen bestimmten Teil des Komplementsystems mit einem Antikörper zu hemmen und so zu verhindern, dass weitere Sinneszellen absterben.

Welchen Einfluss hat der Lebensstil?

Eine gesunde Lebensweise kann das Risiko senken. Dazu gehören Rauchverzicht, der Abbau von Übergewicht und eine ausgewogene, eher fettarme Ernährung. Ein normaler Blutdruck und Blutzuckerspiegel sind ebenfalls hilfreich. Wie gefährlich UV-Strahlung im Zusammenhang mit der AMD ist, ist noch nicht ganz geklärt. Trotzdem ist guter Sonnenschutz für alle, die sich oft und lange in der Sonne aufhalten, ratsam. „Als sicher gilt, dass blaues kurzwelliges Licht im sichtbaren Spektrum die Drusenbildung fördert“, so Sauder. Deshalb ist es wichtig, bei Bildschirmarbeit oder dem Umgang mit dem Smartphone einen Blaulichtfilter zu aktivieren. „Wer wegen eines grauen Stars Kunstlinsen benötigt, kann sich welche mit einem Blaufilter einsetzen lassen“, so der Stuttgarter Mediziner.

RISIKOFAKTOREN UND PRÄVENTION

AlterWie die Bezeichnung altersbedinge Makuladegeneration (AMD) vermuten lässt, ist das Alter der Hauptrisikofaktor. „Daran lässt sich nichts ändern“, sagt der Stuttgarter Spezialist Gangolf Sauder. „Und da der Mensch immer älter wird, steigt die Zahl der Betroffenen beständig an.“

GeneDie genetische Prädisposition hängt mit der ersten Abwehrfront des Immunsystems gegen Krankheitserreger zusammen, dem sogenannten Komplementsystems, so der Münchener Augenarzt Nikolas Feucht. Bei genetisch vorbelasteten Menschen ist es an Geburt an aktiver als normal. Richtig in Fahrt kommt es dann durch Ablagerungen. Dann greifen Komplementfaktoren und davon angelockte Immunzellen, sogenannte Mikroglia, die alternde Makula an“.

LebensweiseRauchen, falsche Ernährung, schlecht eingestellte Typ-2-Diabetes, Bluthochdruck und Übergewicht erhöhen das Risiko. Nachteilig wirken auch starke Sonnenlichtexposotion, fehlender Sonnenschutz fürs Auge sowie kurzwellige blaue Strahlung.

TestAb 50 ist es ratsam, alle ein bis zwei Jahre zum Augenarzt zu gehen. Er kann beim Blick ins Auge etwaige Drusen sehen. Zudem sollte jeder zwischen den Kontrollterminen zu Hause einen Selbsttest mit dem Amsler-Gitter machen (https://www.augenwissen.de/amsler-sehtest/).gf

Von Gerlinde Felix 01. Januar 2019 Uhr Stuttgarter Zeitung Nr. 1 | Mittwoch, 2. Januar 2019



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